Sexsklaven im 21. Jahrhundert?!
Vielleicht fragst du dich, was dieser Titel in meinem Blog soll. Ganz einfach. Ich habe heute Abend den Film Trade - Willkommen in Amerika gesehen. Ein krasser Film. Ein aufrüttelnder Film. Ein Film, der in mir ein schmerzhaftes, aber leider allzu bekanntes Gefühl aus dem Innersten nach oben in mein Bewusstsein holt.
Nein, nicht Betroffenheit. Wut. Unendliche Wut.
Eigentlich wollte ich hier jetzt wie bei einem Review den Inhalt des Filmes wiedergeben. Mir wird aber gerade bewusst, dass ich das nicht kann. Zu intensiv und zu berührend ist die Geschichte des Filmes und die Tatsache, dass er Realität in Form eines Spielfilms zeigt, macht die Sache nicht einfacher.
Fest steht: Es gibt im 21. Jahrhundert immer noch Sklaven. Für Sex. Zum Arbeiten. Die ausgenutzt werden.
Es gibt ein paar Organisationen, die sich der Thematik annehmen und dagegen kämpfen. Aber in der breiten Bevölkerung scheint das Thema nicht präsent zu sein. Anderswo werden Frauen gegen ihren Willen verschleppt, geschlagen, missbraucht, vergewaltigt. Und wir in Deutschland diskutieren über Google Street View oder das Sparpaket der Bundesregierung.
Angesichts der Problematik verändert sich meine Perspektive an zwei Stellen:
1. Meine eigenen Probleme kommen mir unendlich klein und lächerlich vor.
2. Ich stehe ohnmächtig vor dem, was anscheinend mit Menschen in dieser Welt passiert.
Dieser Perspektivwechsel ist nicht neu. Schon oft ging es mir nach dem Schauen ähnlicher Filme so. Und jedes Mal schaffe ich den Sprung von reiner Betroffenheit zum Handeln nicht. Vielleicht, weil ich zu bequem bin. Vielleicht, weil ich Angst habe und mich im Vergleich zur Thematik klein und schwach fühle. Vielleicht, weil mir am nächsten Tag schon andere Dinge wieder wichtiger sind.
Aber je öfter mir das so geht, merke ich: Das muss anders werden. Als Christ bin ich…nein, als Menschen sind wir alle dazu aufgerufen unser Leben dafür einzusetzen, dass es so etwas nicht mehr geben kann.
Und ich will nicht mehr länger warten. Ab heute Nacht suche ich Verbündete. Menschen, denen das Ächzen der ganzen Schöpfung und das Leid dieser Welt nicht länger egal ist, sondern die gemeinsam eine Vision davon entwickeln, wie wir gemeinsam gegen das System und für das befreiende Reich Gottes mit unserem Leben einstehen können. Ich weiß, dass es diese Männer und Frauen dort draußen gibt. Bist DU eine/r von ihnen?
PS:
Ich habe heute im aktuellen Stern gelesen, dass ein Vergewaltiger in Deutschland bei einem Geständnis nur dreieinhalb Jahre auf Bewährung bekommt? Stimmt das von den deutschen Gesetzen her? Wenn dem so ist, bekommt mein eh schon beschädigtes Bild von der deutschen Justiz eine weitere schwere Schramme. Und wir geben Raubkopierern bis zu fünf Jahre Gefängnisstrafe. Wie bescheuert ist DAS denn bitte? Wieso kommt bei einer nachgewiesenen (!) Vergewaltigung der Täter nicht lebenslänglich ins Gefängnis inklusive automatischer anschließender Sicherheitsverwahrung? Kann mir das jemand erklären?
How to feel alive
Freakstock 2010, Freitag Abend. Ich bewege mich suchend über das alte, verwinkelte Kasernengelände der koptischen Kirche unweit des Dorfes Borgentreich. Ich möchte zum Knüppelkeller, meiner ersten Konzertlocation für diesen Abend.
Die Locations haben hier alle so passende Namen wie Knüppelkeller, Herzstück, Turbinenhalle oder Raketenklub. Überall läuft andere Musik für verschiedene Geschmäcker. Meine Geschmacksnerven stehen gerade auf Metalcore. Deswegen suche ich den besagten Keller. Dort soll heute Abend zumindest eine Band aus genanntem Genre spielen.
Nach einer Runde um die Häuser laufe ich in Richtung Raketenklub, der gut ausgeschildert und auf der Karte meines Programmheftes verzeichnet ist. Gerade hat mir jemand gesagt, dass der Knüppelkeller dort drunter ist. Ich schaue mich um und entdecke zwei Freaks, die vor einem offenen Kellerfenster stehen, aus dem fröhlich Leute ans Tageslicht steigen.
"Geht es da runter zum Knüppelkeller?", frage ich. "Ja, aber es gibt auch einen richtigen Eingang, hinter der Hauptbühne. Aber der ist für Weicheier." Ich grinse. Ich möchte kein Weichei sein und folge den beiden durch die 1×1 m große Öffnung auf einer Holztreppe in die Tiefe.
Schon auf halben Weg schlägt mir eine undefinierbare Soundwand aus brutalen Gitarren und krachendem Schlagzeug entgegen. Im hinteren Teil des Raumes berühren meine Füße den Kellerboden. Ich schaue nach vorne. Hinter den vielen großen und kleinen Menschen mit verschiedenen Frisuren meine ich so etwas wie einen Bühnenbereich zu erblicken. Doch die Band ist verdeckt. Hinter den Silouetten der stehenden Besucher kann ich von meinem Platz aus so etwas wie eine Massenschlägerei wahrnehmen. Sämtliche mir bekannten menschlichen Körperteile bewegen sich in wilden, unkontrollierten Rhythmen durch die Luft. Sie werde von bunten Scheinwerfern angestrahlt.
Neugierig bahne ich mir einen Weg durch die Menschenmasse nach vorne. Es sind ungefähr 200 Freaks in diesem kleinen Keller, dessen Decke auf ca. 2,50 m Höhe von den Köpfen der größten Konzertbesucher nicht allzu weit entfernt ist. Vorne angekommen bietet sich mir das verzückende Bild in seinem ganzen Ausmaß: Ungefähr 10-15 Leute beanspruchen einen inneren Kreis von ca. 5 m Durchmesser für ihre wilden Tanzattacken. Passend zum Gitarren-, Bass- und Schlagzeugsound bewegen sie Arme, Beine, Köpfe und Hintern wild durch den Raum. In Fachkreisen nennt man so etwas wohl Moshpit.
Diesen zu beschreiben ist gar nicht so einfach. Für Unkundige sieht das Ganze wohl eher wie eine kranke Kung-Fu oder gar Ultimate Fighting Show aus, bei der aber versucht wird, den Schlägen, Tritten, Sprüngen und gelegentlichen Breakdance-Einlagen der benachbarten Tänzer auszuweichen. Für mich ist dieser Anblick nichts Neues, habe ich mich doch auf diversen Konzerten und Festivals schon an diese mir lieb gewordene Art der körperlichen Ertüchtigung gewöhnt.
Nachdem ich die Lage gecheckt habe, konzentriere ich mich auf die Band. Auffällig neben den beiden Gitarristen, die auf ihre Gitarren eindreschen als gäbe es kein Morgen, ist der dunkelblonde Sänger im schwarzen Unterhemd. Wie Rumpelstilzchen flitzt er über die Bühne und brüllt sich die Kehle aus dem Leib. Er gibt seinen inneliegenden Aggressionen und seiner Wut durch Stimme und Gesicht Ausdruck. In einem Mimik-Wettbewerb würde er 10 von 10 Punkten bekommen.
Doch ich will nicht abschweifen. Schliesslich bin ich wegen der Musik hier, der dritten großen Liebe meines Lebens. Klassisch gestimmte Menschen würden das Wort "Musik" im Zusammenhang mit diesem gefüllten Kellerraum nicht in den Mund nehmen. Doch für mich ist es Musik. Es ist Leidenschaft. Es ist Kraft, Aggression, Power. Und ein bißchen Melodie ist ja auch dabei.
Im Verlauf des gerade gespielten Liedes merke ich, wie ein Breakdown (= eine musikalische Unterbrechung, die einem Lied Spannung und Abwechselung verleiht) unweigerlich auf mich zu kommt. Langsam aber sicher kommt er näher, dann dringt er über meine Ohren ganz in meinen Körper ein. Bäm bada bähäm. Bähäm, Bähäm.
Ich verliere schlagartig die Kontrolle über meinen Körper. Die Kraft der Musik schießt in meine Arme und Beine, es fühlt sich an als würden sämtliche Aggressionen und aller Frust der letzten Monate gleichzeitig in meinem Inneren losgebunden. Für mich ist das ein göttlicher Moment. Ein Moment der Befreiung und der Erlösung.
Wie wild, aber immer im Rhythmus des Schlagzeugs fange ich an um mich zu schlagen. Meine Fäuste werden zu Stahl. Meine Beine werden zu todbringenden Kampfmaschinen, die sich in jeden nur denkbaren Winkel und jede Richtung ausbreiten. Könnte man das jetzige Gefühl der scheinbar in mir liegenden Kraft messen, so könnte ich wohl mit einem einzigen Faustschlag einen kompletten Panzer zertrümmern.
Darauf bedacht niemanden zu verletzen oder schmerzhaft zu berühren, der neben mir tanzt (denn das ist eine Ehrenregel des Violent Dancing), gebe ich meinem Kopf die Erlaubnis sich im Staccato-Takt der Gitarren zu bewegen. Ich prügele mir nun direkt vor der ca. 50 cm hohen Bühne die Seele aus dem Leib. Links von mir wirbelt der Bassist seine elektrische Bassgitarre während einer Viertelnote-Pause durch die Luft.
Und in diesem Moment fällt mir wieder ein, warum Gott diese Musik geschaffen hat. Sie drückt das aus, was mit Worten nicht möglich ist auszudrücken. Sie kompensiert, was sich sonst in Hass und realer Gewalt ausdrücken würde. Wut auf diese Welt, auf ihre Kaputtheit, auf den Frust, den ich in meinem Leben erlebe. All das kann ich in der harten und doch so leidenschaftlichen Musik von innen nach außen tragen. Und ich bin nicht allein. Um mich herum moshen und tanzen Leute, denen es vielleicht genauso geht.
Vielleicht kannst du das nicht nachvollziehen, während du diesen Text hier liest. Es ist ja auch nicht rational zu erklären. Es ist Gefühl, es ist die alte Sehnsucht nach Eden. Eine Welt ohne Trauer, Schmerz und Leid. Eine Welt in der ich sein kann, wie ich bin. Ein Ort, wo die Liebe des Vaters mich umschliesst und all meine Lasten von mir nimmt.
Während diese Gedanken durch meinen Kopf schwirren, klingt das Lied in einem schrillen E-Gitarren-Feedback aus. Sämtliche Wut-Energie verlässt langsam aber sicher meinen schwitzenden Körper. Um mich herum wird es dunkel und ich spüre, wie sich ein tiefer Friede auf mein Herz legt.
Woke Up In Hospital. (Das ist der Bandname, nicht das Ende des Abends!)
Kirche ist Liebe
Meine Blog-Pause bleibt vorerst bestehen.
Stattdessen ist hier ein Gastartikel von meiner Frau Katha:
Die Kirche ist der Leib Christ. Glieder des Leibes sind Menschen. Das heißt, die Kirche besteht aus Menschen, die auf mysteriöse Weise mit Christus verbunden sind. Das Bindemittel?
Liebe.
Deshalb ist das Markenzeichen der Kirche auch die Liebe - sagt Jesus. Das ist Konsens in allen christlichen Konfessionen.
Aber wenn das so ist, wer gibt uns das Recht, Millionen von Euro in Gebäude zu investieren, die dreisterweise auch noch Kirche genannt werden, während Menschen verhungern, die mit Gott verbunden sind?
Wer gibt uns das Recht, diese Gebäude zu beheizen und zu schmücken, während sogar in Deutschland Menschen ohne Obdach leben und im Winter sogar erfrieren?
Wer gibt uns das Recht, von Hoffnung und sozialer Gerechtigkeit zu predigen, und dann hinterher beim Kirchenkaffee Getränke zu verkaufen, die von Menschen in größter Armut unter grässlichen Bedingunen produziert wurden?
Jesus brauchte zum Leben keine Wohnung - wir fordern sie sogar für die Stunde im Gottesdienst ein. Wir opfern nichts und wollen alles bekommen. Dass ist nicht die Haltung, in der man Jesus nachfolgen kann.
Die Kirche wird zunehmen irrelevanter, weil wir nicht mit unseren Taten lieben. Unser Gefasel von Liebe und Gerechtigkeit muss Gott zum Kotzen bringen, so wie wir uns dazu verhalten.
Die Kirche braucht einen Wandel.
Natürlich brauchen wir auch neue Musik,
natürlich müssen wir auf die Kultur der Menschen um uns herum eingehen,
natürlich müssen wir anfangen, offen auf Menschen zuzugehen, statt uns in frommen Cliquen zu verstecken.
Aber viel mehr als dass müssen wir anfangen in der Tat zu lieben.
Und das wird uns etwas kosten - vielleicht sogar alles.
Aber es gibt keinen anderen Weg.
Wenn unsere Liebe tot ist, ist die Kirche tot.
Deshalb rufe ich uns alle auf:
Lasst uns auf alles verzichten, was wir nicht dringend brauchen.
Lasst uns fasten, um an unseren Körpern zu spüren, was unsere Geschwister durchmachen.
Lasst uns mutig gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen aufstehen.
Lasst uns alles, was wir entbehren können, denen geben, die es dringend brauchen
und lasst uns Gott um Vergebung bitten für unsre Lieblosigkeit.
Amen.









